Improvisation Alltagstraining und Basisregeln Dramaka Daniela Vöge

Improvisation – Alltagstraining und Basisregeln

Improvisationstraining ist nicht auf Kurse beschränkt, sondern jede und jeder kann Improvisation zwischendurch und immer wieder im Alltag üben. Hier findest du Impulse für ein tägliches Training und Basisregeln der Improvisation.

Wie geht das?

Improvisation ist von dem lateinischen Wort improvisus abgeleitet und bedeutet „unvorhergesehen“, auch „überraschend“, „nicht geplant“. Improvisationstheater ist das spontane, freie Spiel ohne oder mit nur knapper Vorgabe.

Neben der Anwendung in Theaterprozessen geht es beim Improvisationstraining aber grundsätzlich auch um die Entfaltung von kreativem Potenzial und um die Verbesserung der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das bedeutet:

Im besten Fall entsteht aus vorgegebenen Themen, Strukturen etc. aus sich selbst heraus spielerisch etwas Anderes und verbindet sich mit dem Gegebenen zu etwas darüber Hinausweisenden. Wie in der Kunst eben.

Geübt wird diese Freiheit im Umgang mit den Gegebenheiten über

  1. Wahrnehmungs-,
  2. Imaginations- und
  3. Rollenübungen.

Deshalb findest du im Folgenden du eine Übungsreihe, die dich in die Lage versetzt, deine vertraute Umgebung wacher, schärfer und „unkonventioneller“ zu sehen und dich auffordert, ihr neu gegenüber zu treten.

Wahrnehmen

Die Aktion der Wahrnehmung bezeichnet die deutsche Sprache mit vielerlei Begriffen.

Assoziiere zu den einzelnen Ausdrücken Sätze, kleine Geschichten, eigene Erlebnisse.

Verben: wahrnehmen – spüren – fühlen – sehen – hören – schmecken – riechen – tasten – gewahr werden – merken – erleiden – beeindruckt werden – aufnehmen – empfinden – bemerken – innewerden – verspüren — empfangen – hinnehmen – schlucken – berührt werden – einstecken -angesprochen werden.

Adjektive: sinnlich – angerührt – taub – wahrnehmbar – sen­sibel – offen – spürbar – betäubend – betörend – empfänglich – empfind­sam – feinfühlend – reizbar – sinnberückend – wetterfühlig.

Substantive: Sinne – Sensibilität – Gespür – Eindruck – Lust – Sinnestaumel – Sinneskälte – Aufnahmevermögen – Offenheit – Neugier –Wissensdurst

Neue Sinne erproben

Bei der Improvisation wird bald klar, dass oft noch mehr Sinne als Ohr und Auge im Spiel sind.

Beispiele dafür außer dem klassischen Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken sind z.B. der kinästhetische Sinn, der „Sinn für Bewegung und Lage des Körpers im Raum“, der Muskelsinn, der das Wirken der Muskeln fühlen lässt, der Gleichgewichtsinn, der Sinn für Gefühle, für Schmerz, für Schlaf, einen Sinn für Zeit, für Raum und für…?

Welche Sinne erspürst du noch?

Grundübung Achtsamkeit

Lenke nacheinander deine Aufmerksamkeit auf folgende Bereiche:

Außenwelt

  • Was sehe ich?
  • Was höre ich?
  • Was taste ich?

Innenwelt

  • Was empfindet mein Körper?
  • Was fühle ich selbst?
  • Was denke ich?

Bewerten

  • Was ist angenehm?
  • Was ist neutral?
  • Was ist unangenehm?

Setze bei der Durchführung der Wahrnehmungsübungen jeweils einen anderen Fokus.

5, 7 oder 9 Sinne

Bei den meisten Vorgängen sind mehrere Sinne beteiligt.

Wenn du eine Treppe hoch­steigst, hörst du Geräusche, schaust auf die Stufen, hintereinander und überlappend gleichzeitig: der Körper spürt das Steigen, das Gleich­gewicht arbeitet, und je höher du steigst, umso deutlicher meldet sich der Atem, die Hitze im Kopf, die Müdigkeit der Muskeln und vielleicht spürst du auch noch den Ärger in dir hochsteigen, dass der Lift nicht funktioniert!

Wieviele Wahrnehmungen kannst du erfassen?

Vergleichen zwischen realem und fiktivem Wahrnehmen

  1. Wahrnehmungsübungen dienen dazu, die Realität stärker zu begreifen und zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden.
  2. Sie helfen aber auch dabei, sich in andere Personen hineinzuversetzen und eine Situation aus der Sicht einer anderen Person zu betrachten. Dies kommt im Folgenden:

Imaginationsübungen

  • Stell dir vertraute Gegenstände vor: den Schreibtisch, das Fahrrad, die Badewanne, die Klinke der Wohnungstür usw.
  • Stell dir Gegenstände vor, die du zur Hand hast: die Armbanduhr, die Gürtelschnalle, das Portemonnaie usw. Kontrolliere deine Vorstellung.
  • Wiederhole die Übung und ver­suche dabei, dir immer detailliertere Vorstellungen zu machen, bei­spielsweise bei der Armbanduhr: Wie sieht das Zifferblatt aus, wie sehen die Zahlen aus, wie die Zeiger, wie das Armband…
  • Schmecke imaginär verschiedene Früchte: Kirsche, Banane, Pfirsich, Birne, Orange, Pflaume, Johannisbeeren, Aprikose, Apfel, Marroni.
  • Trinke imaginär verschiedene Getränke: Tee heiß und kalt, Schnaps, Quell­wasser, abgestandenen Kaffee, prickelnde Limonade, Bier, bittere Medi­zin.
  • Stell dir das Verhalten von dir gut bekannten Personen vor: Rat­schläge erteilend, beleidigt sich zurückziehend, in Wut ausbrechend, trau­rig erzählend, aufmerksam zuhörend, interessiert fragend, stets ins Wort fallend, ausweichend beschönigend, witzig, eine peinliche Situation über­brückend…

Verändern (lassen) – Rollenübungen

  • Mache irgendetwas anders als am Vortag: Das kann ein kleiner Umweg zum Büro oder eine andere Reihenfolge im Kaffeekochen sein, eine kleine Handlung, die die tägliche Routine unterbricht.
  • Versuche, bei deinem nächsten Gesprächspartner nicht nur zu sehen und zu hören, sondern „zu schauen und zu horchen“, d.h. ganz genau zuhören, Satz für Satz aufnehmen, zugleich die kleinen Bewegungen des Partners innerlich ein wenig mitvollziehen. Was verändert sich in der Kommunikation, in eurem Verhältnis?
  • Verändere dich in deiner Rolle am Tag: Nimm eine Vorgabe als Anfangsimpuls, der dich durch den Tag begleitet. Das kann ein Ort sein (heute schreite ich wie in meinem eigenen Schloss oder die Wände sind heute viel enger) oder ein Gegenstand (ein wichtiges Buch, der rote Mantel…). Wie verändert sich dein Verhalten, das der anderen? Oder spiele mit formalen Gegensätzen (unbeweglich – beweglich, groß – klein, laut – leise).
  • Gestalte eine eigene Rolle (Figur) für dich selbst. Beschreibe die Rolle, die du für dich selber zuschneidest. Wie sieht sie aus, wie kleidet sie sich, wie gibt sie sich, welches sind ihre Charaktereigenschaften? Wie isst sie, wie geht sie? Versuche immer mal wieder, deine eigene Rolle zu verkörpern.
  • Weise anderen Personen auf der Straße eine Rolle (Figur) zu. Unterstelle: Welchen Beruf hat die Person? Woher kommt sie gerade, wohin geht sie? Hat sie Kinder? Ist sie hier geboren? Welches Verhältnis hat sie zu den Nachbarn? Was würde die beste Freundin/ der Kumpel über sie sagen? Wie fühlt sie sich?
  • Beobachte Haltung, Gangart, Ausstrahlung deines „Vorbilds“. Wer ist man, wenn man so agiert? Versuche zuhause, besondere Merkmale dieser Person möglichst genau nachzuahmen. Wie fühlst du dich?

Literaturhinweise

  • Feustel, Bert/ Komarek, Iris, NLP-Trainingsprogramm, München 2006
  • Rellstab, Felix, Handbuch Theaterspielen Bd. 4, Theaterpädagogik, CH‐Wädenswil 2000
  • Vlacek, Radim, Workshop Improvisationstheater, Donauwörth 32003
  • Watzlawick, Paul, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, München 221976

Improvisations-Regeln

Durch eine fachliche Lektüre wurde das Schweizer Improvisationstheater Anundpfirsich 2016 zu einer Suche nach den „7 ultimativen Regeln der Improvisation“ inspiriert und hat dafür dankenswerterweise die Literatur durchforstet – für alle Impro-Nerds absolut zu empfehlen: https://pfirsi.ch/improblog/die-7-ultimativen-regeln-der-improvisation/

Es kristallisieren sich daraus 6 Grundprinzipien, die sowohl für das Theaterspiel als auch für das freie Agieren im Alltag gleichermaßen von Bedeutung sind:

  1. Wende das Ja, und – Prinzip an, nicht das Ja, aber
    (was zum ist das? Kommt noch).

  2. Spiele (das Spiel), setz dich ein.

  3. Sei im Moment, ergreife den ersten Impuls, sei wach und flexibel.

  4. Entspann dich und hab Spaß, Humor gibt Kraft.

  5. Lass andere gut aussehen, unterstütze deine Partnerinnen und Partner.

  6. Lass Fehler und Missgeschicke geschehen, wage es zu scheitern, entwickle Mut zum Risiko.

Na dann: wohlan!

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