Aufstellung_Kaspar_Hauser

Kaspar Hauser – eine Aufstellung

Ein am Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführtes Stück gab mir die Gelegenheit, in der Vorbereitung des Vorstellungsbesuches eine klassische Aufstellung1In einer Aufstellung werden die Mitglieder eines Systems (Familie, Organisation, Unternehmen) einzeln positioniert (= aufgestellt) und miteinander in Beziehung gesetzt. Dadurch können Zusammenhänge innerhalb dieses Systems visualisiert und erlebbar gemacht sowie verändert werden.  mit den historischen Figuren des Stückes durchzuführen. Teilnehmende waren zehn Klientinnen einer sozialpädagogischen Einrichtung.

Die Wahl der Einrichtung fiel auf dieses Stück, weil es sich um ein anschauliches Musical über den heimischen Mythos, das Findelkind Kaspar Hauser, handelte.

Vorbereitung

In einem ausführlichen einleitenden Gespräch rekapitulierten wir die Geschichte Kaspar Hausers. Dann ordneten wir die Mitglieder der Herzogtümer Zähringer und Hochberg in ihrer Bedeutung für die erzählte Geschichte und in ihrer Rangfolge ein. Dazu diente auch ein Stammbaum beider Häuser:

Kaspar_Hauser_Stammbaum

Stammbaum Kaspar Hauser als pdf.

Als nächster Schritt wurden die Rollen des Stücks verteilt, und die Teilnehmerinnen stellten sich in der Form des Verhältnisses ihrer Rollen zueinander auf.

Rollenverteilung

Folgende Rollen wurden vergeben:

  1. Kaspar Hauser
  2. Eine Bürgerin – sie trifft als erste auf Kaspar
  3. Julius Hiltel, 11 Jahre alt, Sohn des Gefängniswärters – er wundert sich über den naiven jungen Mann
  4. Daumer, Lehrer – er bringt ihm vieles bei
  5. Anselm von Feuerbach, Gerichtspräsident  – er glaubt an ein Komplott
  6. Ludwig von Baden, Großherzog – seine Linie würde durch einen Enkel weiterbestehen
  7. Leopold Graf von Hochberg – macht sich Hoffnung auf den Großherzogentitel (sofern Kaspar nicht der Enkel ist)
  8. Sophie, Frau des Grafen von Hochberg  – ist auch scharf auf den Titel
  9. Stephanie von Beauharnais, vermutlich Mutter von Kaspar – ist hin und hergerissen
  10. Der Mörder – macht seinen Job

Aufstellung

Beim Prozess der Aufstellung wurde schon deutlich, wer näher bei Kaspar Hauser steht, wer weiter weg, wer skeptisch ist, wer eher im Hintergrund bleibt. Dies haben die Teilnehmenden weitgehend selbständig besprochen und umgesetzt.

Aus den Rollenvorgaben entstand nun folgende Aufstellung im Raum:

Aufstellung_Kaspar_Hauser_Workshop

Aufstellung Kaspar Hauser als pdf.

Auswertung

Die Darstellerinnen und ihre Figur

Die Darstellerinnen sprechen über sich in ihrer Rolle. Dabei nutzen sie die Ich-Form. Sie beschreiben, warum sie an diesem Ort stehen, und erläutern sowohl ihren Hintergrund als auch ihr derzeitiges Befinden. Sie betrachten die Personen um sie herum, beschreiben das Verhältnis zu ihnen und ihr Empfinden ihnen gegenüber.

Beispiele:

Eine Bürgerin: „Also, ich glaube ja nicht, dass das ein Adliger ist. Der will sich doch nur wichtig machen. So etwas gab es hier noch nie. Aber so von der Seite kann ich das ja alles schon gut beobachten. Und wenn man sich den Adel so anschaut… Unmöglich wär‘ s nicht, dass sie einen Thronfolger aus dem Weg schaffen für ihre eigenen Zwecke. Man kennt das ja. Aber ich will damit nichts zu schaffen haben, ob er nun echt ist oder nicht. Ich gehe jetzt nach Hause, sollen sie mit ihm machen, was sie wollen.“

Lehrer Daumer: „Der Kaspar ist ein ganz besonderer junger Mann. er ist so unbedarft, man muss ihn schützen. Deshalb versuche ich ihn ein wenig abzuschirmen von der Welt. Ich bin schon ganz gespannt, wie er sich im Lernen weiterentwickelt. So einen faszinierenden Schüler hatte ich noch nie.“

Sophie von Schweden: „Jetzt taucht doch im letzten Augenblick noch ein Thronfolger für den Ludwig auf, dabei war ich schon drauf eingestellt, die Großherzogin an der Seite Leopolds zu werden. Dass sich Leopold jetzt nicht bloß verwirren lässt und den Schwindler gleich entlarvt! Ich stehe jedenfalls hinter meinem Mann und werde ihn ordentlich antreiben. Außerdem traue ich ihm einfach nicht zu, dass er solch eine Intrige ausheckt, dafür ist er nicht gerissen genug. Seine Mutter, ja, die hätte das Zeug dazu gehabt.“

Kaspar Hauser wird vorgestellt

Die Figuren sprechen über Kaspar Hauser und stellen ihn nacheinander aus ihrer Sicht vor. Kaspar stellt sich selber vor.

Beispiele:

Stephanie: „Wie er da so steht, sich bewegt, lächelt – er könnte tatsächlich einer meiner Söhne sein. Aber ich will das gar nicht zu hoffen wagen. Wie sehr ich mir das wünschen würde. Und wie traurig, dass er keine standesgemäße Kindheit haben durfte. Aber ist er es denn überhaupt? Ich bin hin- und hergerissen und will mit ihm erst einmal lieber gar keinen Kontakt haben.“

Mörder: „Man hat mir das Zielobjekt als jungen Mann beschrieben, der nicht gut laufen kann, nur wenige Worte spricht und irgendwie naiv und gutgläubig ist. Das sollte also eine einfache Aufgabe sein. Inzwischen wird er nicht mehr so sehr beaufsichtigt wie am Anfang, da werde ich ihn schon mal alleine abpassen können. Warum man so einen Kindskopf bloß aus dem Weg haben will? Na egal, ich mach nur meinen Job.“

Kaspar Hauser heute

Zum Schluss haben wir uns nochmal dem Kern der Geschichte gewidmet. Wo finden wir ähnliche Umstände wie im Stück in der Gegenwart, d.h. wie und warum kann man Opfer politischer Interessen, Habgier oder Fremdenfeindlichkeit werden?

Diese Übertragung wurde in Kleingruppen von 2 – 3 Teilnehmenden diskutiert und in einer kleinen Szene (mit Anfang und Ende) vorgestellt.

Feedback

Die Aufstellungsarbeit ist gekennzeichnet durch eine auffallende Übereinstimmung vom eigenen Standort und der Haltung zu anderen zusammen mit den damit einhergehenden Empfindungen. Dies war auch hier zu beobachten.

Die Teilnehmerinnen waren zum einen überrascht, wie leicht sie sich in eine doch gänzlich unbekannte Rolle hinein versetzen und die richtigen Worte sprechen konnten.

Zum anderen hatten sie allein durch die örtliche Anordnung schon ein gewisses Empfinden für die Verhältnisse untereinander. So fühlte sich „Kaspar“ nicht nur von dem recht nah stehenden „Mörder“ bedroht, sondern auch durch das „Grafenpaar von Hochberg“, das als Zweierblock im Hintergrund lauerte. „Feuerbach“ fühlte sich wie ein Polizeikommissar, der von der Seite aus verdeckt ermittelt. „Ludwig“ konnte etwas entfernt Kaspar erkennen, so etwas wie ein Hoffnungsschimmer in der Zukunft.

Die Aufstellungsarbeit hat sich hier ganz besonders angeboten, da wir es hier tatsächlich mit einer Art Stammbaum zu tun hatten. Sie vermittelt in kurzer Zeit einen nachhaltigen Eindruck von den Figuren, welcher dem Stück sehr nah kommt, sogar ohne es vorher gelesen oder gesehen zu haben.

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