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Salome – tolle Operninszenierung am Staatstheater Karlsruhe

Salome als ganz und gar nicht mordlüsterne Männerfresserin – im Gegenteil, in dieser Inszenierung lag der Schwerpunkt auf dem kleinen Mädchen Salome, umgeben von erwachsenen Männern jeglicher Religion, die sie zu ihrem Spielzeug machen. Ausstaffiert wie ein Bonbon mit langen Haaren, dazu ein Luftballon an einer Schnur – an dieser wird später der Kopf des Jochanaan schweben.

Die Geschichte ist zwangsläufig: ein viel zu früh sexuell gereiftes Mädchen ist nicht mehr in der Lage, sich und ihre Bedürfnisse anders als auf die erlernte Weise auszudrücken.

Und tatsächlich – ist die Forderung nach dem Kopf des Jochanaan nicht einfach die Wut des zurückgewiesenen Kindes? Diese Salome aber versteht und spürt sehr wohl, was ihr hier von den sie umgebenden Männern angetan wird, und so ist ihre Forderung durchaus eine gnadenlose Rache nicht nur an Herodes, sondern auch an allen Mittätern.

Das Werk

Richard Strauss, Salome, Musikdrama in einem Aufzug (1905), Dichtung nach Oscar Wildes gleichnamigem Drama (1891)

am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Spielzeit 21/22

Regie: Sláva Daubnerová

Musikalische Leitung: GMD Georg Fritsch

Bühnenbild: Boris Kudlička

Kostüme: Cedric Mpaka

Trailer und Presse

Scherzo mit tödlichem Ausgang – „Salome“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe
STAND 16.5.2022, 15:49 Uhr
SWR 2, Bernd Künzig

Sex, Sadismus und Religion: Richard Strauss' skandalträchtiger Einakter „Salome“ aus dem Jahr 1905 ist ein vielschichtiges Werk rund um den notgeilen Herodes, der hinter seiner Stieftochter her ist. Das Badische Staatstheater in Karlsruhe hat sich jetzt an Strauss' Geniestreich gewagt. In der Neuinszenierung der slowakischen Regisseurin Sláva Daubenerová und unter der Leitung des Generalmusikdirektors Georg Fritzsch ensteht ein szenisch wie musikalisch herausforderndes Abenteuer.
Die geschändete Salome wimmert
Der wimmernde Ton der Kontrabasssaiten zwischen den Fingern verkörpert die jammernde Seele der Titelfigur im Finale von Richard Strauss’ musikdramatischem Einakter „Salome“. So hörte das der Komponist selbst. Warum aber dieser Jammerton?
Sláva Daubnerová hat in ihrer etwas zu komplexen, anspielungsfülligen, teilweise zum Camp tendierenden Inszenierung am Badischen Staatstheater in Karlsruhe eine eindeutige Antwort. Salome ist das von ihrem Stiefvater Herodes sexuell missbrauchte und geschändete Kind.
Herodes als Harvey Weinstein seiner Zeit
Über der Bühne schwebt das riesige, kraterdurchfurchte Gesicht der Mondoberfläche als ein bedrohliches Zeichen. Schon vor dem Beginn des Klarinettenlaufs nach oben, mit dem musikalisch der Vorhang aufgezogen wird, sehen wir das überreife Kind kostümiert wie der böse Clown Pennywise aus der Stephen King-Verfilmung „Es“ beim Haschefangen mit Stiefvater Herodes.
Eine „Sauerei“ soll Kaiser Wilhelm II. einst Richards Strauss‘ Geniestreich der „Salome“ genannt haben. Es hält einen blauen Ballon an der Schnur und wir ahnen schon, dass an ihr das abgeschlagene Haupt des Jochanaan enden wird. Das Kind ist böse geworden, weil es an diesen Harvey Weinstein des frühchristlichen Zeitalters geraten ist.
Und das bockige Mädchen tanzt vor dem lüsternen Stiefvater, um zur Belohnung und als Rache den Kopf des Einzigen zu bekommen, vor dem sich Herodes fürchtet. Es ist der gefangen gesetzte Jochanaan, der Prophet der Zeitenwende.
Den Weltreligionen zum Fraß
Herodes in seiner weißen Uniform des Operettengenerals entstammt einem Foto des anderen Kinderschänders Jeffrey Epstein und entpuppt sich bei Salomes Tanz als Antichrist in purpurrotem Fummel. Und der thront auf den Rücken der monotheistischen Weltreligionen.
In dieser „Salome“ keifen nicht mehr die fünf Juden und zwei Nazarener über die Ankunft des von Jochanaan verkündigten Messias, sondern der Rabbi, der Imam, der Pope, der Kardinal und der Priester Buddhas. Und Salome tanzt nicht nur vor Herodes, sondern wird von ihm den Popanzen des Religiösen zum Fraß vorgeworfen.
Kinderschänder entpuppt sich als Antichrist
Und sie ist nicht allein: die mobile Raumflucht der Despotenvilla auf der von Boris Kudlicka gestalteten Bühne beherbergt zahllose kindliche Leidensgefährtinnen der Salome. Bei der Entpuppung des Herodes als Antichrist halten sie Schriftzeichen auf Pappschildern hoch: „The End is here“. Das ist im Sinne der zahlreichen biblischen Textanspielungen „Apocalypse now“. Auf den Rückseiten prangt die Fratze des kinderschänderischen Tetrarchen.
Atemberaubender Schlussmonolog von Paulina Linnosaari
Salomes Duett mit Jochanaan über ihr erotisches Begehren nach seinen Augen, seinem Haar und Mund, wird hier zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen verkorksten Sexualität. Jochanaan sitzt denn auch rührungslos festgeschnallt auf einer Art elektrischem Stuhl und Salome beschäftigt sich mit ihrem Körper, während er mit der lyrisch klaren Stimme von Thomas Hall die pure vokale Verführung bei gleichzeitiger Zurückweisung ist.
Pauliina Linnosaari verkörpert das böse, doch unschuldige und damit tragische Kind großartig, sich stimmlich zu ihrem atemberaubenden Schlussmonolog steigernd.
Matthias Wohlbrecht singt den Herodes als wirklich gefährlichen Tenor und nicht wie so oft als lächerlichen Lüstling. Überhaupt ist das gesamte Ensemble in höchsten Tönen zu loben.
Szenisch wie musikalisch ein Abenteuer.
Was Georg Fritzsch am Pult der Badischen Staatskapelle aus der schillernden Partitur hervorzaubert hat man mit solcher Transparenz und Entdeckerfreude lange nicht mehr gehört. Er ist ein klug balancierender Sängerbegleiter, der nie zudeckt, dem aber die plastische Wucht des großen Orchesters keineswegs entgleitet.
Das Badische Staatstheater bietet ein szenisch wie musikalisch herausforderndes Abenteuer dieses „Scherzo mit tödlichem Ausgang“, wie Strauss seine „Salome“ einmal selbst punktgenau bezeichnete.
Quelle: Link

Gleiche Regisseurin: George Sand, Gabriel

Und dann sehe ich doch, dass Sláva Daubnerová in Karlsruhe noch ein selten gespieltes Stück im Schauspiel inszeniert! Und bin wieder ganz begeistert!

Gabriel“ ist ein Stück von George Sand1Männliches Pseudonym und Künstlername von Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil. (1804 – 1876), einer französischen Schriftstellerin, die neben Romanen auch zahlreiche gesellschaftskritische Beiträge veröffentlicht hat.

Der Teenager Gabriel wird im Italien der Renaissance als Mann erzogen, damit er der direkte Erbe seines Großvaters sein kann. Als dieser ihm offenbart, dass er in Wirklichkeit ein Mädchen ist, um ihn zu ewiger Keuschheit zu zwingen, versucht Gabriel, die Hoheit über ihre beziehungsweise seine Identität wiederzugewinnen, doch dieser Versuch endet tragisch.

Das Stück lebt klar von seiner Hauptdarstellerin Swana Rode, die der Figur sowohl Kraft, Eleganz als auch die nötige Zartheit gibt. Auf der Bühne trennt ein Glaskasten das männliche Innere, ausgestattet mit Rüstungen, Schwertern, Kamin, Sportgeräten, vom weiblichen Äußeren in Form von antiken weißen Statuen. Swana Rode jagt durch diese Räume und spielt sowohl in den stürmischen als auch den sanften Momenten ganz überragend.

Spielerisches Stück zur Gender-Debatte: „Gabriel“ am Staatstheater Karlsruhe
Gern werden klassische Texte am Theater auf aktuelle Debatten eingegrenzt. Am Staatstheater Karlsruhe bleibt „Gabriel“ von George Sand zeitlos - und überzeugt dadurch umso mehr.
von Andreas Jüttner

Im Schlussapplaus mag etwas Erleichterung mitgeschwungen haben. Denn dieser Abend hätte auch richtig hartes Brot werden können: drei Stunden Theater mit einem rund 180 Jahre alten Text, der durchaus zum Fuchteln mit dem Zeitgeist-Zeigefinger anregen könnte.
Immerhin geht es in „Gabriel“ von George Sand – 1839 veröffentlicht als Roman, aber verfasst in bühnentauglicher Dialogform – um die derzeit viel diskutierte Frage, ob sich Menschen schlicht in die zwei Gruppen männlich/weiblich aufteilen lassen und ob die Geschlechtszuordnung angeboren oder anerzogen ist.
Außergewöhnlich langer und herzlicher Beifall
Doch die Regisseurin Sláva Daubnerová tappt mit „Gabriel“ nicht in die Falle des wohlfeilen Meinungstheaters. Und so werden das Regieteam und das Ensemble am Ende zu Recht mit außergewöhnlich langem und herzlichem Beifall belohnt.
Und ebenfalls zu Recht gilt ein Großteil dieses Beifalls der Hauptdarstellerin Swana Rode, die hier nach mehreren prägnanten Nebenrollen (zuletzt in „Medea. Stimmen“) und ihrem furiosen Studio-Solo „Das kalte Herz“ zeigt, dass sie auch einen großen Abend in der Titelpartie tragen kann.
Rode spielt Gabriel, der im Lauf des Stücks zu Gabrielle wird. Zu jener Gabrielle, die er eigentlich immer schon war. Denn die Titelfigur in Sands Roman ist eine Frau, die als Mann erzogen wurde, um als männlicher Nachkomme den Familienbesitz zu sichern. Doch als sie davon erfährt, entflieht sie ihrem goldenen Käfig, zieht als Mann los und verbindet sich aus Trotz gegen den intriganten Großvater mit Astolphe – jenem Cousin, der um das Erbe betrogen werden sollte.
Der Cousin entpuppt sich als Cousine
Astolphe ahnt zunächst nicht, dass sein junger Cousin in Wahrheit eine Cousine ist und ist reichlich irritiert von dem heftigen Begehren, das er empfindet. Als es unwiderstehlich zwischen den beiden funkt, gibt Gabrielle ihre männliche Rolle mehr und mehr auf – um nach einer kurzen Zeit des Glücks erneut gefangen zu sein, im Gefängnis von Astolphes Eifersucht und im Geflecht sozialer Konventionen.
Keine Scheu vor der Schmierenkomödie
Das Kunststück von Daubnerovás Inszenierung liegt darin, die ernsten Themen des Textes unterhaltsam zu verpacken. So lässt sie das literarisch knirschende Konstrukt, dass der Schwindel der Erbschaftsintrige 17 Jahre lang geheim bleibt, schön schmierenkomödiantisch ausspielen: Gunnar Schmidt gibt Gabriels herrischen Großvater mit knarzender Gruselfilm-Bosheit, André Wagner wuselt als unterwürfiger Hauslehrer herum und Jens Koch hat als Diener, der sich gezielt dumm stellt, die Lacher auf seiner Seite.
Getragen wird die Aufführung durch die überzeugende Chemie zwischen Swana Rode als Gabriel(le) und Andrej Aganowski als Astolphe, deren Liebesgeschichte man vom herzflimmernden Anfang bis zum todtraurigen Ende gebannt folgt. Daubnerovás Regie hat hier zwei ideale Protagonisten für choreografisch starke Bilder gefunden, etwa wenn sich die Bewegungen aus der freundschaftlichen Rauferei der Kumpane Gabriel und Astolphe später im leidenschaftlichen Tanz des Liebespaares spiegeln.
Hauptdarstellerin mit scheinbar müheloser Artistik
Rodes scheinbar mühelose Artistik lässt Gabriel von Anfang an wie ein Wesen wirken, das nicht an die Schwere irdischer Konventionen gebunden ist. Das ist nicht nur faszinierend anzusehen. Sondern es erspart dem Stück auch jene Einengung, unter der die Titelfigur leidet. Denn es lenkt den Blick weg von dogmatischen Debatten und unterstreicht den zeitlosen Kernimpuls des Stücks: die menschliche Sehnsucht nach Freiheit – ganz gleich zu welcher Zeit, in welchem Land und in welchem Körper.
BNN, 16.04.22

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